Vanishing Point – Fluchtpunkt San Francisco

Nichts als Straße, ein einsamer Anti-Held im weißen 1970er Dodge Challenger und jede Menge Speed – Richard C. Sarafians Kultfilm mit Barry Newman ist ein vortrefflicher Abgesang auf den amerikanischen Traum und das Versprechen grenzenloser Freiheit.

Kowalski (Barry Newman), ein ehemaliger Rennfahrer, jetzt Autoauslieferer und Speedjunkie, soll einen weißen 1970er Dodge Challenger von Denver nach San Francisco bringen und wettet, dass er die Strecke in einer absurd kurzen Zeit von nur 15 Stunden schafft. Eine klare Kampfansage an die Highway-Cops, die sich schon bald an das Heck des offenbar von inneren Dämonen getriebenen Fahrers heften. Während sich Kowalskis Trip zu einer einzigen Verfolgungsjagd mit wachsendem Ausmaß entwickelt, schaltet sich über Funk Unterstützung ein: der blinde DJ Super Soul (Cleavon Little), der von dem unaufhaltsamen Fahrer erfahren hat, ist Kowalskis größter Fan und feiert ihn in seiner Radiosendung als „letzten amerikanischen Helden“ und beispiellosen Kämpfer für die Freiheit. Mit Informationen aus dem angezapften Polizeifunk verschafft der DJ seinem Idol auf dem Highway zeitweise einen nützlichen Vorsprung vor den Cops – bis er gewaltsam zum Schweigen gebracht wird.

Nur durch Rückblenden, die häppchenweise Ereignisse aus Kowalskis Vergangenheit einstreuen, setzt sich allmählich ein Bild des wortkargen Protagonisten zusammen. Man erfährt, dass er in Vietnam gedient hat und Polizist war, bis seine Aufrichtigkeit ihn den Job kostete. Zusammen mit anderen persönlichen Rückschlägen ergibt sich die Biographie eines gescheiterten Mannes, der in seinem Leben nichts mehr zu verlieren hat. In der Rolle des Vietnamveterans und Ex-Cops, der im Drogen- und Adrenalinrausch seiner Vergangenheit entflieht, verkörpert Barry Newman die Desillusionierung einer ganzen Gesellschaft angesichts der demaskierten Fratze des einst mit blütenweißem Zahnpastalächeln strahlenden amerikanischen Traums, dessen Konsumfetisch auch der ikonische Dodge entsprungen ist. Die Verfolgsjagd auf dem Highway, die sich über die gesamte Länge des Films erstreckt, spiegelt im Grunde den Geist der 68er wieder: das Aufbegehren gegen den Staat und seine korrupten Diener, gewalttätige Unterdrückung und Freiheitsbeschränkung.

Kowalski ist ein Outlaw, wie er im Buche steht. Doch nicht allein wegen seiner schweigsamen Hauptfigur mutet VANISHING POINT – FLUCHTPUNKT SAN FRANCISCO wie ein moderner Western an: Zwischendurch vergehen ganze Minuten ohne gesprochenen Text, in denen sich die meisterhafte Bildsprache von Kameramann John A. Alonzo zwischen Close-ups und subjektiver Perspektive im Auto sowie Weitwinkelansichten von der schier unendlichen Landschaft entfalten kann. Mit Bedacht eingesetzt, erzielt der starke Soundtrack eine maximale Wirkung. Bemerkenswert sind auch die aufwändig in Szene gesetzten Actionsequenzen, ganz besonders die Crashs, deren Dynamik ein Spannungsverhältnis zur kargen, unbewegten Umgebung des Highways erzeugt. Wie beim Western bewegt sich die Narration unweigerlich auf einen abschließenden Showdown zu. Denn bei Kowalski, so heißt es an einer Stelle im Film, sei die Frage nicht, wann er zum Anhalten kommt, sondern wer ihn zum Anhalten bringt.

Eine Einstellung vom Anfang des Films, in der eine Straßensperre sehen ist, wird ganz zum Schluss noch einmal wiederholt und stellt so einen Abschluss auf ästhetischer Ebene her, just wenn der Challenger gestoppt und besagte Frage schließlich beantwortet wird. Gerade wegen dieser Abgeschlossenheit lässt sich VANISHING POINT in gewisser Weise auch als Metapher für den Lauf des menschlichen Lebens interpretieren: Wir sind uns bewusst, dass unsere Existenz im Großen und Ganzen betrachtet relativ irrelevant und unser Handeln demnach bedeutungslos ist, und wir wissen, dass ausnahmslos jedes Leben im Tod endet. Aber wir ziehen es trotzdem durch. Die Frage ist nur, wer oder was uns zum Anhalten bringt.

VANISHING POINT – FLUCHTPUNKT SAN FRANCISCO (USA 1971)
Regie: Richard C. Sarafian
Drehbuch: Guillermo Cabrera Infante
Kamera: John A. Alonzo
Producer: Norman Spencer
Produktion: Cupid Productions
Verleih: 20th Century Fox
Fotos: © 20th Century Fox
Weiterführende Links: IMDb / DVD & Blu-ray bei amazon

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