Anderland

Willkommen in Anderland – Entkommen unmöglich…

Andreas (Trond Fausa) findet sich ohne Erinnerung in einem Bus wieder. Er steigt als Letzter an der Endhaltestelle aus und steht in einer kargen Wüstenlandschaft vor einem winzigen Tankstellenhäuschen, dem einzigen Gebäude weit und breit. Ein Banner, das offenbar nur für ihn aufgehängt wurde, heißt ihn ‚Velkommen‘. Am Himmel hängen dunkle Wolken, die Landschaft ist grau und könnte trostloser kaum sein. Schließlich holt ihn ein Mann im Auto ab. „Wohin fahren wir?“, fragt Andreas – „Zu Ihnen nach Hause.“ Auch sein Arbeitsplatz in einem großen Bürogebäude wird ihm gezeigt. Er werde sich schnell einleben, versichert man ihm. Vom Fenster seines Büros aus beobachtet Andreas an seinem ersten Arbeitstag, wie zwei Sicherheitskräfte in grauen Anzügen vorfahren, um einen Toten abzutransportieren, der aus einem der Häuser gestürzt ist. Der besonders grausame Tod – der Mann wurde im Fall von einem spitzen Zaun abgefangen und aufgespießt – scheint jedoch keinen der Bewohner von Anderland aus der Fassung zu bringen. Sobald die Leiche entfernt wurde, scheint es, als wäre der Vorfall nie passiert.

Basierend auf einem Hörspiel von Per Schreiner, der bei der Verfilmung als Drehbuchautor mitwirkte, zeichnet der norwegische Regisseur Jens Lien das erschreckende Bild einer uniformen Gesellschaft, aus der es kein Entkommen gibt. Stilistisch verortet er seinen Film ganz im gegenwärtigen skandinavischen Kino, wo eine gewisse Tendenz zu skurrilen Situationen mit lakonischem Humor und einer entsättigten, minimalistischen Bildsprache zu beobachten ist. Mit vielen langen Einstellungen und spärlichem Musikeinsatz bewusst unaufgeregt inszeniert, bezieht ANDERLAND gerade daraus seine beklemmende Atmosphäre. An diesem starren, kalten Ort gehen auch soziale Kontakte niemals über eine antrainiert wirkende, distanzierte Förmlichkeit hinaus. Was zählt, sind vor allem Arbeit und Designermöbel. Da löst die Frage, ob es sich bei einem bestimmten blauen Farbton um „Azur“ oder vielleicht doch eher um „kühles Korall“ handelt, dann durchaus auch mal eine hitzige Diskussion aus.

Persönliche Belange und Gefühlsäußerungen ignoriert man hingegen mit gnadenloser Beharrlichkeit, öffentlich wie privat. In Anderland hat sich alles und jeder in einen gleichförmigen, monotonen Strom der Dinge einzufügen. Hier herrscht eine radikale, auf die Spitze getriebene Egalität, in der alles auf das Belanglose, den common sense reduziert wird. In einer Gesellschaft wie dieser ist das Individuum ersetzbar geworden und selbst der kleinste Ansatz von Individualität wird entschieden unterdrückt. Trond Fausa als Andreas, in den man sich nur allzu gut hineinversetzen kann, will sich damit nicht abfinden. Doch so sehr er sich auch abmüht, aus dieser Stadt scheint es kein Entkommen zu geben. Dennoch weigert sich der zunehmend verzweifelte Protagonist aufzugeben, auch wenn er schlussendlich immer wieder in feinster „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Manier irgendwo in der Stadt herauskommt, von ein paar eifrigen Systemdienern in Grau eingefangen wird – und das ewige Spiel wieder von vorne losgehen kann.

2006 wurde ANDERLAND in Cannes mit dem ACID (Association for the Distribution of Independent Cinema) Award ausgezeichnet und auf zahlreichen internationalen Filmfestivals gefeiert. Auch wenn an der ein oder anderen Stelle noch ein wenig Feinschliff möglich gewesen wäre, sei ihm das aus tiefstem Herzen gegönnt.

ANDERLAND (Norwegen / Island 2006)
Regie: Jens Lien
Drehbuch: Per Schreiner
Kamera: John Christian Rosenlund
Musik: Ginge Anvik
Produktion: Sandrew Metronome Norge, The Icelandic Filmcompany (co-production), Tordenfilm AS
Producer: Jørgen Storm Rosenberg
Fotos: © Zorro Film
Weiterführende Links: IMDb / DVD bei amazon

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